19.April 2001
Gemeinsam Gesicht gezeigt gegen Rechts
Rund 1000 Uelzener kamen trotz des strömenden Regens zur Demonstration
Uelzen (bk). Schlechter konnte das Wetter am vergangenen Sonnabend wirklich
nicht sein. Aber als sich gegen 11 Uhr ein bisschen Helligkeit zwischen den
dunklen Regenwolken zeigte, sollten das die zirka 1000 Demonstranten auf dem
Herzogenplatz in Uelzen als Zeichen genommen haben, dass das gemeinsame Stehen
gegen den angekündigten rechten Aufmarsch, auch ein Lichtstrahl war gegen dumpfen
Nationalismus und fremdenfeindliche Hetze.
Das Spektrum der Redner war so bunt wie der Widerstand, der sich gegen Rechtsradikalismus
und rechte Gewalt in unserem Lande, wenn auch viel zu zaghaft, regt. Hans-Jürgen
Dietrich vom Deutschen Gewerkschaftsbund machte in seiner Rede dafür auch aus,
dass sich Politiker nicht nur durch Presseerklärungen und schöne Worte dieser
verhängnisvollen Tendenz entgegen zu stellen hätten. Ähnliches merkte Olaf Meyer
von der Antifa Lüneburg/Uelzen an, als er sagte, dass das unsägliche Gerede
um eine „Leitkultur“ und die „Stolz“-Diskussion das nationalistische Klima weiter
anheize in einer Gesellschaft, die ohnehin Ungleichheit produziere und das Recht
des Stärkeren gelten lasse.
Bedenkenswerte Worte fand die Ärztin Marie-Luise Goihl, die in Kenia wahre Gastfreundschaft
erlebt hatte und dazu aufrief, Jugendlichen das Gefühl, anerkannt und gebraucht
zu werden zu vermitteln, und sie nicht bei radikalen Gruppierungen eine solche
Heimat finden zu lassen. Elfriede Behling vom Runden Tisch gegen Rassismus Himbergen
merkte man die persönliche Betroffenheit über die Geschehnisse in unserem Lande
deutlich an, als sie sich zu ihrer Erschütterung und ihren Tränen bekannte beim
Anblick der Opfer von rechtsradikalen Schlägern.
Auch Propst Wolf von Nordheim gehörte zu den Rednern und er mahnte: „Ich bin
nicht der Meinung, dass auf einen groben Klotz ein grober Keil gehört. Gewalttätigkeit,
auch Gewalttätigkeit in der Sprache, steckt an!“ Wohl ebenfalls ein deutlicher
Hinweis an die politischen Brandstifter.
Bürgermeister Günter Leifert hatte, wie er im Gespräch sagte, am Vorabend der
Demonstration einen Brief von einem CDU-Mitglied der Stadt erhalten, der ihn
aufforderte, nicht auf der Veranstaltung zu reden! Das Stadtoberhaupt zeigte
sich darüber fassungslos und sprach dennoch: „Jedem Anschlag auf unsere Demokratie
müssen wir entgegen treten“, rief er und erinnerte an das dunkelste Kapitel
der deutsche Geschichte, dessen Ideen so massiv Urständ feiern. Übrigens fehlten
an diesem Vormittag auf dem Herzogenplatz die bekannten Gesichter der CDU-Fraktion
völlig. Unter diesen fatalen Vorzeichen bekommen die Worte des Kreisvorsitzenden
Jörg Hilmer (der zwar persönlich den Aufruf gegen den Naziaufmarsch unterzeichnet
hat) einen noch seltsameren Klang: „Wir suchen uns aus, mit wem wir demonstrieren!“
Vielleicht sei der christlich demokratischen Volkspartei ein Blick ins Geschichtsbuch
empfohlen, wohin geteilter und zerstrittener Widerstand führt!
Die Kundgebung war ein Erfolg. Die Uelzener harrten geduldig im strömenden Regen
aus, aber dennoch wohl in dem Bewusstsein, etwas zu bewirken.
Indes hatten sich auf dem Schützenplatz zirka 150 Rechte versammelt, ihre Versammlung
gegen 12.35 Uhr für beendet erklärt und auf den Marsch durch die Stadt verzichtet.
Kleinere Zwischenfälle wie das Werfen von Äpfeln, Farbbeuteln und Knallkörpern
durch etwa 350 Gegendemonstranten gab es, wurden aber von der Polizei als unerheblich
eingeschätzt, weil sie unter Kontrolle waren.
„Menschen, seid wachsam“ hatte der tschechische Schriftsteller Julius Juãik
kurz vor seiner Ermordung geschrieben und: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus
dem das kroch“ hat Bertolt Brecht in seiner „Kriegsfibel“ gewarnt. Und auch
wenn am vergangenen Sonnabend eine übergroße Mehrheit sich friedlich für Demokratie
und Toleranz ausgesprochen hat – wir dürfen die anderen auch in Zukunft nicht
gewähren lassen!